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Das Jahr der Schmetterlinge und Nachtfalter

Schon lange bevor der erste Zitronenfalter auf die Schreibtische der Zeitungsredaktionen flattert, herrscht in Wald und Flur ein reges Schmetterlingsleben. Bereits an den ersten frostfreien Tagen des Februar schlüpfen unscheinbare braune, gelbe oder graue Nachtschmetterlinge (Bild1) aus der Familie der Spanner (Bild2). Ihre flügellosen Weibchen klettern mit ihren langen Beinen spinnenschnell den Stamm ihres Baumes empor, um in einer Zweiggabel die flugfähigen Männchen zu erwarten. Hier trotzen sie Wind und Wetter und Temperaturen von weit unter 0°C. Da sie sehr zahlreich auftreten, bilden sie eine willkommene Nahrung für Kleiber, Specht und Meise. Nach der Begattung legen sie gleich an Ort und Stelle ihre Eier an die Knospen der Zweige ab. Die daraus schlüpfenden Raupen leben vom frischen Grün bis in den Juni hinein. Sobald die Sonnenstrahlen im März die ersten Huflattichblüten hervorlocken, erwachen viele unserer bunten Tagschmetterlinge (Bild3).

Bild 1: Wollrückenspanner (Apocheima pilosaria)

Bild 2: Die Spanner verdanken ihren Namen der wegabspannenden Bewegungsart der Raupe (Art: Wollrückenspanner)

Bild 3: Der Kleine Fuchs (Aglais urticae) überwintert wie Tagpfauenauge, C-Falter oder Trauermantel als ausgewachsener Falter

 

 

 

 

 

 

 



Sie haben den Winter auf Dachböden, in Baumhöhlen oder wie der Zitronenfalter (Bild4) ganz frei im Gebüsch sitzend überdauert. In Birkenschlägen fliegt nun im hellen Sonnenschein am Vormittag das Jungfernkind (Bild5) . Noch flattert es in Bodennähe, um sich an warmen feuchten Stellen zu sonnen und Mineralien aufzunehmen. Ab Mittag ist es dann nur noch in den höchsten Regionen der Birken zu finden, wo Balzflug, Paarung und Eiablage stattfinden.

Bild 4: Zitronenfalter (Gonepteryx rhamni)

Bild 5: Birken-Jungferkind ( Archiearis parthenias)

Bild 6: Männlicher Nagelfleckspinner (Aglia tau)

 


 

 

 

 

 



Mit dem Erblühen der Apfelbäume, die mit ihren zartrosa Blüten den Höhepunkt des Frühlings anzeigen, erblickt der aufmerksame Beobachter bei einem Waldspaziergang nicht selten mittelgroße, ockergelbe Schmetterlinge, die in reißendem Zickzackflug zwischen den Bäumen umherfliegen. Es sind Nagelfleckspinner (Bild6) auf der Suche nach ihren weiblichen Partnern. Die weiblichen Nagelfleckfalter schlüpfen ab Mittag und geben dabei gleich einen Sexuallockstoff ab, der von den Männchen noch in 3 Kilometer Entfernung wahrgenommen wird. Nun fliegen sie alle in hellen Scharen in die gleiche Richtung, denn diesem Ruf können sie kaum widerstehen. So kommt es dann auch schnell zur Begattung, oftmals, bevor das Weibchen die Flügel voll entwickeln konnte. Es legt in den nächsten 8 bis 10 Tagen seine Eier an die Blätter von Buche und Eiche. Danach stirbt es, denn seine Energiereserven sind erschöpft. Der Nagelfleck gehört zu einer Nachtschmetterlingsfamilie, die keine Nahrung aufnehmen können und deshalb schnell für Nachkommen sorgen müssen.

Bild 7: Aurorafalter (Anthocharis cardamines)

Bild 8: Labkrautschwärmer (Celerio galli) an einer Nelkenblüte (Silene italica)

Bild 9: Hauhechelbläuling (Polyommatus icarus)

 

 

 

 

 

 




Als sei die Apfelblüte der Startschuss gewesen, schlüpfen jetzt viele Schmetterlinge aus ihren Puppen: Weißlinge, Aurorafalter (Bild7), Landkärtchen, Faulbaumbläuling, Mauerfuchs und ein ganzes Heer von Spinnern, Eulenfaltern und Spannern.
An warmen Sommerabenden kann man dieses Heer an der Lampe beobachten. Das, was der Volksmund "Graue Motten" nennt, sind in Wirklichkeit faszinierende, oftmals sogar sehr bunte Schmetterlinge, die ihre Aktivzeit ganz einfach in die Nacht verlegt haben. Viele Blüten öffnen sich deshalb nur nachts und haben sich ganz auf diese Schmetterlinge spezialisiert. Dazu gehören auch solche mit tiefem Schlund. Diese Nektarquelle kann nur von Schwärmern (Bild8) mit sehr langem Rüssel erreicht werden. Sie schwirren mit 70 und mehr Flügelschlägen pro Sekunde wie ein Kolibri vor der Blüte und trinken. Wenige Sekunden später sind sie pfeilschnell wieder verschwunden.
Im Juli und August ist die hohe Zeit der meisten Schmetterlinge. Da können wir nicht nur die bunten Tagfalter und viele unscheinbare Nachtfalter auf den Buddleia-Blüten im Garten beobachten, an Strassenrändern und auf naturbelassenen Wiesen fliegt eine bunte Schar: Hauhechelbläuling (Bild9), Feuerfalter, Dickkopffalter, Kaisermantel (Bild10) und Perlmutterfalter, Ochsenaugen und Ringelfalter. Auf Distelblüten saugen Blutströpfchen (Bild11) in schillerndem Grün oder leuchtendem Rot.
Über die Obstwiesen fliegt in der Dämmerung in schnellem Flug die Feuerglucke (Bild12). Sie hat den Tag, getarnt als welkes Blatt, in der Bodenvegetation verschlafen.

Bild 10: Kaisermantel (Argynnis paphia)

Bild 11: Kleewidderchen (Zygaena trifolii)

Bild12: Feuerglucke (Odonestis pruni)


 

 

 

 

 

 

 




In den Wäldern erblicken wir manchmal auch den seltenen Kleinen Eisvogel (Bild13), der gern in den Morgenstunden Mineralstoffe aus Pferdemist aufnimmt. Im Laufe des Tages verschwindet er in den Baumkronen, wo sich sein eigentliches Leben abspielt.

 

 



   Bild 13: Kleiner Eisvogel (Limenitis camilla)

Trotz Wärme und Sonnenschein werden im Herbst die bunten Schmetterlinge scheinbar immer seltener. Die Überwinterer wie Zitronenfalter, Tagpfauenauge, Trauermantel, C-Falter, Grosser und Kleiner Fuchs haben inzwischen Dachböden oder Höhlen aufgesucht. Nur vereinzelte Admirale und Distelfalter (Bild14) laben sich am süßen Saft des heruntergefallenen Obstes. Sie sind Wanderfalter und die Nachkommen von Tieren, die im Frühsommer aus dem Mittelmeerraum zu uns eingewandert sind. Sie versuchen nun, wieder dorthin zurückzufliegen.

Bild 14: Distelfalter (Vanessa cardui)

Bild 15: Buchen-Herbstspanner (Erannis aurantiaria)

Bild 16: Weiblicher Kleiner Frostspanner (Operophtera brumata)

Im Oktober, bereits nach den ersten Frösten, erscheint wieder ein Heer von Nachtschmetterlingen (Bild15), die sich ganz an diese unwirtliche Jahreszeit angepasst haben. Sie sind manchmal auffallend farbig und gleichen dem bunten Herbstlaub, in dem sie tagsüber ruhen.
Liegen im Dezember die Temperaturen nachts über dem Gefrierpunkt, so können wir im Scheinwerferlicht unseres Autos manchmal ein beeindruckendes Schauspiel beobachten: zu Hunderttausenden flattern die Männchen der Frostspanner umher, auf der Suche nach ihren flügellosen Weibchen (Bild16). Eine Stunde später ist der Spuk vorbei.
Bei Temperaturen jenseits der Nullgradgrenze erlischt das Schmetterlingsleben. Alle aber überdauern unseren Winter, und das selbst bei den tiefsten Temperaturen. Entweder als Ei, Raupe, Puppe oder Falter. Manchmal völlig schutzlos wie der Zitronenfalter im Ilexgebüsch.

Text und Fotos: Hans-Joachim Weigt

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